„Macht die Stille nicht auch leer und einsam?“

So oder so ähnlich lautet eine der häufigsten Anfragen zur täglichen stillen Zeit.

Ich denke, dass wir alle diese Erfahrung von Leere und Einsamkeit kennen. Zuweilen kann dies sehr bedrückend sein. Einer unserer ersten Vorkämpfer von ‚Stille schenken‘, der Bestsellerautor von „Ziemlich beste Freunde“ und schwer gelähmte Philippe Pozzo di Borgo, hat darauf bereits zu Beginn unserer Aktion eine sehr beeindruckende rein ‚menschliche‘ Antwort gegeben.

Zur Erinnerung: Erst nach seinem tragischen Unfall lernte er durch dieses innere Hören immer mehr die Stimme des Gewissens zu vernehmen. Und in dieser Art von „bewohnten Stille“ entdeckte er einen ungeahnt inneren Reichtum, den wir alle in uns tragen würden. Gerade für die Corona-Zeit gab er Hilfen, wie wir dadurch ein empathisches Herz für die anderen entwickeln können.

Ich möchte heute einen stärker ‚spirituellen‘ Zugang

zu dieser bewohnten Stille“, von dem Philippe damals sprach, eröffnen. Gerade die Frage nach der Existenz oder eher der Verborgenheit Gottes beschäftigt ja heute viel mehr Menschen als allgemein wahrnehmbar.

Bei mir ist es so: Jedes Mal, wenn ich mir bewusst Zeit reserviere, still werde und langsam zur Ruhe komme, treffe ich eine Entscheidung. Oder sie ‚ereignet‘ sich, so wie es der Kabarettist Thomas Stipsits im Video auf unserer Homepage etwas schelmisch humorvoll und doch so treffend formuliert hat: „Und dann passiert’ s!“ Er sagt nicht, was. Schon gar nicht, um welche Entscheidung es geht.

Ich darf dazu ein wenig ausholen:

Ich mag eine der wohl meist zitierten Definitionen von Liebe, die auf den Hl. Augustinus von Hippo zurückgeht, sehr: „Ich will, dass du bist (Volo ut sis!)!“ Das Wichtigste im Leben, die Liebe, braucht demnach eine Entscheidung und nicht nur ein Gefühl. Und das kann ich als Ehemann und Familienvater mehr als bestätigen. Dieses Ja sagen zum anderen führt mich unmittelbar zu einem besonderen Ja in der Stille. Erst vor wenigen Tagen hat genau dazu der bekannte tschechische Soziologe Thomas Halik bei einem viel beachteten Online-Vortrag über die Gottesferne Bezug genommen.

Für ihn wäre die entscheidende Frage: „Will ich, dass Gott ist – oder dass er nicht ist? Sehne ich mich nach ihm?“ Diese Entscheidung komme nämlich aus dem Grund des Selbst, aus dem Herzen! Der Durst nach Gott könne sich verborgen im Durst nach Liebe, nach Wahrheit und Gerechtigkeit ausdrücken. Erst in der Erfahrung der Liebe, so Halik, eröffne sich ein Raum, in dem wir überhaupt die Wirklichkeit Gottes erblicken könnten.

Meine innere Entscheidung in der Stille ist:

Ich will, dass du bist! Oder vielmehr: Ich schenke dir einfach mein Vertrauen. Ich habe Sehnsucht nach dir, mein Gott! Danke, dass du da bist! Und ich erfahre – „dann passiert’ s“ – eine Art Gegenwart, ein liebevolles Du. Es ist eine Nähe, die geschenkt, nicht gemacht, wird. Manches Mal fühle ich es, dann ist es wieder nicht wirklich spürbar. Aber mit der Zeit, mit den Jahren, ist immer stärker eine Art innere Gewissheit gewachsen. Wie unter Liebenden erst in der Dauer eine tiefere Gewissheit wächst. Schon spannend, darauf zu vertrauen, dass jedes Mal tatsächlich ein (göttlicher) Freund auf mich wartet.

Nicht selten reicht dann ein schlichtes Miteinander-Dasein. Ein Dialog ohne viele Worte. Gerade in der Stille berühren wir die Tiefen unseres Herzens, unseres Wesens. Ja, das ist und bleibt geheimnisvoll. Aber deswegen ist es alles andere als nur für Spezialisten gedacht. Im Gegenteil: Ich glaube, dass das jede und jeder unmittelbar erfahren kann. Man braucht es nur auszuprobieren. Weil es diesen guten Geist (den Philippe übrigens schlicht ‚Gewissen‘ nennt) oder ‚heiligen‘ Geist gibt, um den wir alle bitten können. Ich vertraue ganz fest darauf, dass er bei allen Menschen guten Willens wirkt. Mir persönlich hilft ganz besonders, dass ich täglich auch einen kurzen Text aus den Evangelien, von den Erzählungen Jesu, lese. Er spricht ja direkt von Gott. Jesus selbst ist ja das Wort Gottes. Da lerne ich jeden Tag, wie ich immer wieder von Neuem konkret lieben kann.

Wie gut, dass wir uns bei dieser Stille-Aktion

aus unterschiedlichen Weltanschauungen diesem Geheimnis unseres Wesens, unseres Herzens annähern können. Und vor allem, dass wir so voneinander lernen können – für einen neuen Zusammenhalt über alle Unterschiede hinweg. Ich habe jedenfalls schon unglaublich viel von Philippe Pozzo di Borgo gelernt.

Verzeiht bitte, dass es heute etwas länger geworden ist.
So manches „Innerliche“ braucht oft ein wenig mehr Zeit 😉

Danke sehr fürs Mittun & herzliche Grüße,
Otto Neubauer mit dem Team von Stille schenken