Heute möchte ich mit euch einen Tipp für die Fastenzeit teilen, der beim Ausprobieren erstaunliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Mir ist nämlich am Beginn dieser besonderen Zeit wieder ein kleines, aber gleichzeitig herausforderndes „Experiment“ in den Sinn gekommen. Es betrifft das bewusste Einüben der Dankbarkeit in der täglichen Stille, das uns auch von so mancher schlechten Angewohnheit befreien könnte. 

Eine ungewöhnliche Idee

Es gibt nicht viele Freunde, deren ungewöhnliche Ideen mich so unmittelbar zur Nachahmung angeregt hätten: Stefan hatte einmal seiner Frau zur Fastenzeit einen speziellen, zunächst kaum nennenswerten Deal vorgeschlagen. Sie wollten einander verschweigen, worauf sie verzichteten. Der jeweils andere Partner musste selbst herausfinden, worin das Fastenopfer des anderen bestünde. Das Verblüffende für Stefans Frau war, dass sie so überhaupt keine Mäßigung bei ihrem Mann beobachten konnte. Kein einziges Anzeichen! Er verzichtete weder auf Süßigkeiten noch auf andere Annehmlichkeiten, trank Alkohol, rauchte auch mal eine Zigarette, schaute fern und ließ es sich – zumindest ihrer Wahrnehmung nach – mehr als gut gehen. Nur eines hatte sie paradoxerweise realisiert: dass sie schon lange nicht mehr eine so wunderschöne Zeit miteinander erlebt hatten. Als nun endlich die Osternacht und damit das Ende der Fastenzeit kam, war ihre Neugierde übergroß, welches kleine Geheimnis er ihr offenbaren würde. Seine Antwort: „Ganz einfach: Ich habe mir bewusst vorgenommen, dich in dieser gesamten Fastenzeit nicht zu kritisieren!“

Noch heute kommt mir dabei ein inneres „Wow!“ hoch.

Als ich diesen ‚Verzicht‘ kürzlich in meiner stillen Zeit wieder als neue Entscheidung für ganz bestimmte Menschen traf und es nun täglich ‚ausprobiere‘, machte ich bald eine sehr kostbare Erfahrung: Es ist, als würde sich durch das Entfernen dieses Schleiers der Kritik langsam das eigentliche, viel schönere Gesicht des anderen zeigen. Nicht, dass das Fehlerhafte plötzlich weggeschwemmt worden wäre. Nein, keine rosarote Brille. Es bleibt auch klar, dass alle gesunden Beziehungen auch kritische Auseinandersetzungen brauchen. Aber solch eine spezielle ‚Übungszeit‘ befreit uns und andere vom Druck des Urteils – und schenkt die frappierende Erfahrung, dass ein ehrlich wohlwollender Blick oft mehr Veränderung bringen kann. Aber dazu mehr im nächsten Newsletter.

Falls jemand dieses „Experiment“ auch versuchen will,

dann wünsche ich vor allem viel Geduld und Durchhaltvermögen. Bitte nicht aufgeben, so manche Übung braucht ein wenig mehr Zeit – inklusive der Sonntage wären es jetzt noch 40 Tage ‚Übungszeit‘ bis Ostern.

In jedem Fall wünschen wir euch in dieser zuweilen sehr mühsamen Zeit der Pandemie viel Kraft und Freude und danken von Herzen für alle Berichte, Erzählungen und Ermutigungen!

Übrigens: es lohnt sich, wieder jemand für ‚Stille schenken‘ zu gewinnen. 🙂

Danke sehr und herzliche Grüße,
Otto Neubauer und das Team von Stille schenken